Die Flucht der Labormaus

Andreas Maloris
Die Flucht der Labormaus
Aus dem Erzählband „Nichts, nichts“ (2003), übersetzt von
Michaela Prinzinger

 

„… und „… und es erhob sich ein großes Ungewitter auf dem Meer,

daß man meinte, das Schiff würde zerbrechen…

Aber Jona war hinunter in das Schiff gestiegen,

lag und schlief. Da trat zu ihm der Schiffsherr und sprach zu ihm:

Was schläfst du? Steh auf, rufe deinen Gott an! Ob vielleicht dieser Gott an uns gedenken will,

daß wir nicht verderben.“

Der Prophet Jona, 1, 4-6

 

Andonis Polatsoglou – seit der Gymnasialzeit mit dem Spitznamen „Kid“ versehen – nähert sich gemächlich dem kleineren von zwei Käfigen im hintersten Winkel des Labors. Dabei schwingt er eine Fünf-Milliliter-Injektionsspritze in der rechten Hand, deren Nadel wie ein winziges Flugabwehrgeschütz in Habachtstellung zur Decke zielt. Er legt die Spritze auf dem Fensterbrett ab und zieht den Schlüssel hervor. Er schließt auf, entriegelt das niedrige, gepolsterte Türchen, das sich leise quietschend öffnet. Die schneeweiße Maus – „Versuchstier M-106“, wie aus dem Laborbericht ersichtlich – hockt- ein regloses Sahnehäubchen – zusammengekauert in der Ecke und weiß nichts von Kids Absichten. Wohl bemerkt sie die Klaue, die sich nach ihr ausstreckt, doch ahnt sie nicht, was ihr bevorsteht. Denn für das Mäuschen ist Kid der Allmächtige. Doch Kid ist in Wirklichkeit nicht der Allmächtige. Ein graue Maus auch er, innerlich und äußerlich: Über vierzig, aufgrund mangelnder Nachfrage Junggeselle, grauhaarig mit Tonsuransatz, seit Jahren auf demselben Posten hockend: In einem großen multinationalen Pharma-Unternehmen ist er als kleiner Angestellter im Versuchslabor der Forschungsabteilung für das leibliche Wohl der Versuchstiere zuständig. Für Fütterung und Tränke, Säuberung, Verabreichung der Medikamente, selbst für die Entsorgung der toten Tiere, falls es – mit Absicht oder per Zufall – zum Unausweichlichen kommt. Ja, Kid war in der Tat der Tellerwäscher des Labors. Demselben öden Rhythmus gehorcht auch sein Leben. Wie das Uhrwerk seiner Arbeitszeit – Ticktack von Zuhause zur Arbeit, Ticktack von der Arbeit nach Hause – zeigt er die Haltung eines – nicht einmal mehr menschenähnlichen – Roboters, dem es scheinbar genügt zu atmen. Mehr als einmal denkt er nie über dieselbe Sache nach. Wohl liest er regelmäßig die Zeitung und surft des öfteren im Internet, doch damit hat es sich auch schon. Zweifel kommen ihm nicht. Er ist das, was man einen ruhigen, gesetzestreuen Bürger nennt. Einzig der Beiname „Kid“ scheint seine konservative Natur zu übersteigen, doch selbst der gehört ihm nur zur Hälfte: Brüderlich teilt er ihn mit einem Freund aus der Schulzeit, der mittlerweile als Arzt im Ausland weilt und dem er ab und zu in der Antarktis des Cyberspace oder im Traum begegnet. „Kid“ – das war wie ein Handschlag, seitdem sie aufgrund eines gemeinsamen Spleens unzertrennlich geworden waren: Als eingefleischte Cowboyfans verschlangen sie jeden Western, insbesondere Sergio Leones Spaghetti-Western, wenn sie – wie Eulen in Menschengestalt der Leinwand des Open-Air-Kinos zugewandt – denselben Film zwei- oder gar dreimal sahen, damit sie die Zweikämpfe besser nachstellen konnten. So kam es zur widerrechtlichen Aneignung des Beinamens „Kid“. Mit der Zeit verblaßte der Ruhm der einsamen Reiter, die dreiste Philosophie des Wilden Westens war überholt, doch „Kid“ blieb „Kid“. Selbst heute noch begrüßen sie sich mit demselben Namen, wenn sie bisweilen E-Mails austauschen: „Hallo Kid!“, um dann, wie es sich gehört, zu Oberflächlich- oder Herzlichkeiten überzugehen. Im Labor ist Kid für die Tiere, ja, der absolute Herrscher, der Allmächtige, der über allem stehende Richter, der über Leben und Tod entscheidet. Doch die Tiere, ihm von Natur aus unterlegen, können unmöglich seine wahren Absichten erkennen. Über den Sinn ihres Daseins, über den Zweck, dem sie in den Händen der Menschen dienen, werden sie gewiß zahllose Vermutungen anstellen, in den verschiedensten Variationen, vielleicht sogar auf ein besseres Leben nach dem Tode hoffen. Wer weiß? Möglich. Schwache Wesen tun das normalerweise. Doch die herzlose und widersinnige Wahrheit werden sie niemals erfahren. Aber wehe ihnen, sollte Kid tatsächlich Allmacht über sie haben! Trotz seiner absoluten Herrschaft unterscheidet er sich im Grunde nicht sonderlich von den Mäusen. Zwar führt er loyal die Anordnungen seiner Vorgesetzten aus, die er, unter uns gesagt, noch nie persönlich kennengelernt hat, doch aufgrund seines beschränkten Wissens und seiner Persönlichkeit begreift auch er den tieferen Sinn der Experimente, die tatsächlichen Absichten der Superhirne, die ihm Anordnungen geben, so manches Mal wohl nicht. Selbst wenn die Genies aus den Planungsbüros nichts nach draußen durchsickern lassen, werden auch sie von derselben finsteren Verzweiflung gequält: Jedesmal, wenn sie ein Rätsel lösen, taucht ein neues auf und der Krug des Wissens ist wieder bis auf den Grund geleert. Diese Qual nimmt aufgrund des großen Konkurrenzdrucks kein Ende. In ihrer geistigen Unzulänglichkeit ähneln sie – ja, in der Tat – dem öden Arbeitstier Kid. In seinem Gurt trägt Kid in diesem Augenblick, als er mit der Injektionsnadel in der Hand über das Leben der verbannten Labormaus bestimmt, weder Patronen noch fuchtelt er, wie früher, mit der 6-Schuß-Pistole, als er vom oberen Viertel herunterstürmte und – stets im tadellosen Zusammenspiel mit dem anderen, später ausgewanderten Kid – an die fünfzig Indianer pro Angriff erledigte. Im Gegensatz dazu trägt er nun eine spezielle Halterung um die Hüfte, in der – wie im Beutel eines Känguruhs – diverse Fläschchen und Flakons in verschiedenen Größen und Farben stecken. Dabei handelt es sich um die Essenzen der Experimente, von denen er genau so wenig versteht wie von den Spritzen, den Wattebäuschen etc. Er zieht den Schlüssel hervor, das Zuchthaus hat Besuchszeit und die Tür geht auf… Das eingepferchte Versuchstier ist in der Tat ein Häufchen Elend. In tiefster Depression, in Ausweglosigkeit festgefahren, ist ihm alles gleichgültig. Als ob es ihm vor lauter Hoffnungslosigkeit ob seiner Sklaverei die Sprache verschlagen hätte. Nicht doch! An allem ist Kid schuld, der ihm gestern zur selben Stunde die Adern mit einem Hormon vollpumpte, das die Moral zersetzt. Seitdem ist das Mäuschen in seinem Elend versunken, die Injektion hat seine gute Laune zunichte gemacht, genau so wie die Megapearls der Vollwaschmittel die Flecken aus der Kleidung merzen. Heute jedoch erfüllt er buchstabengetreu die zweite und letzte Phase des revolutionären Versuchs, den das Unternehmen finanziert. Heute, kurz gesagt, soll er es mit einer chemischen Verbindung vollpumpen, die das glatte Gegenteil des ersten Mittels ist: Ein anregendes Medikament, das Flügel verleiht und der verletzlichen Seele eine rosarote Brille verpassen müßte, damit die Welt des „M-106“ zu einer sonnendurchfluteten Garconniere wird, voller Käse aus allen Winkeln der Erde. In die Injektionsspritze hat er – wie immer im Auftrag seiner unsichtbaren Vorgesetzten – auch das Hormon der erotischen Anziehungskraft gemischt, das von jedem verliebten Hirn ausgeschüttet wird. In der gleichen Dosis, die gestern den anderen Mäusen im Nachbarkäfig verabreicht wurde. Deshalb ist von nebenan nur der freudige Trubel eines bacchantischen Gelages zu hören: Die gedopten, strahlend weißen Labormäuse springen in einem fort unter spitzen, chinesisch anmutenden Schreien in die Luft, und es ist sonnenklar, daß sie in lustvoller Glückseligkeit schwimmen und ihr dolce vita genießen. Im Zuge endloser erotischer Stellungen saugen sie gierig den Geruch des anderen ein, bespringen einander und werden rückhaltlos besprungen. Doch was wäre, wenn alles nur eine Fälschung, eine Illusion von gräßlicher Vorläufigkeit wäre? Kid verliert keine Zeit. Er packt die einsame Maus am Nacken, vorsichtig wie ein randvoll gefülltes Glas, und bevor er ihr den suggestiven Stoff verabreicht, nähert er sich dem großen Paradieseskäfig, öffnet ihn und schubst sie hinein, frei mitten in die Arena. Keine Reaktion. So sehr sich die Mäusedamen auch in grober Anmache und raffinierten Verführungskünsten versuchen, es ist verlorene Liebesmüh. Der Mäuserich trollt sich griesgrämig und versteckt sich weit von der Menge entfernt, einsam und bärbeißig, ein Eremit. Kid stellt den Kurzzeitmesser ein und wartet. Nach einer halben Stunde blickt er auf die Anzeige, flüstert „jetzt“ und öffnet wiederum den Käfig: Er packt die elende Maus und hebt sie heraus. Instinktiv versucht sie zu entfliehen, doch geschickt steckt er ihre Schnauze in den Glasbehälter mit dem Narkosemittel und die arme Labormaus liegt binnen kurzem reglos da und schläft. Da ihre nadelspitzen Zähnchen nunmehr brav im Mund verbleiben, kann er sie mit Leichtigkeit behandeln: Er dreht sie auf den Rücken, zieht das Fell hoch, sticht vorsichtig die Injektionsnadel ein und läßt den Cocktail Milligramm für Milligramm ins Blut träufeln. Und wieder wartet er. Und wartet. Als die Maus sich zu regen beginnt, schubst er sie erneut in den Narrenkäfig: Keine Reaktion. Wie im langweiligen Drehbuch eines griechischen Festivalbeitrags verharrt sie wiederum reglos am Käfigrand, weit weg von der Menge. Nach zehn bis fünfzehn Minuten faßt sich der Mäuserich ein Herz und kommt mit einem Schlag zu sich. Er wendet sich um, zuerst zögerlich, doch dann stürzt er sich wie ein Wirbelwind in das Mäusegedränge und mischt sich unter den Mob. Eine pelzige Masse tanzt entfesselt „Lambada“! Im Getümmel trifft er auf eine herausfordernde Mäusedame: Eros, im Kampf unbesiegbar, er fängt sofort Feuer und nun gibt es kein Halten mehr. Kid ist begeistert. So nahe geht ihm der Stimmungsumschwung des einsamen Mäusecowboys, daß er selbst sich im Rhythmus des erschöpften Nagertiers zu wiegen beginnt und gar nicht mehr daran denkt, die Veränderungen in dessen Verhalten aufzuzeichnen. Taumelnd stolpert er, will sich noch am Labortisch festhalten, und der riesige Glasbehälter mit dem Narkosemittel zerschellt am Boden. Die Atmosphäre verdichtet sich gefährlich. Kid selbst kann rechtzeitig den Atem anhalten, doch im selben Augenblick denkt er daran, daß die Mäuse den Ausdünstungen möglicherweise nicht standhalten können. Daher springt er rasch zum Käfig, reißt den Riegel aus der Verankerung und befreit sie. Sie stürmen heraus, rollen auf dem Boden umher, entwirren sich wie Garnknäuel nach oben und nach unten, nach links und nach rechts, und dann strömen alle, einem milchigen Bach gleich, zum Ausgang, ein für allemal der Gaskammer entronnen. Ja, sie entrinnen der Umklammerung des Narkosemittels, Kid jedoch nicht. In seinem Bemühen, sie zu retten, läuft ihm die Zeit davon, er wird blau im Gesicht, hält nicht mehr länger aus, atmet tief ein und sinkt wie ein nasser Sack zu Boden. Ein tiefer Schlaf überkommt ihn, und er beginnt zu schnarchen. Inzwischen sind die Mäuse bereits außerhalb des Labors, weit weg vom Gebäude des Pharma-Unternehmens angelangt, auf den Straßen der Menschen, und verloren in einer anderen, genau so unvorhersehbaren, zusammenhanglosen und widersinnigen Welt, tragen sie das Wissen um die Wahrheit von der Liebe und vom Leben in sich. Die geflohene Labormaus, „Versuchstier M-106“, hat auch die Befunde mitgenommen. Alles ist im Grund eine Frage der Hormone, doch Kid hat nicht einmal Aufzeichnungen machen können. Aber hätte es Kid irgend etwas genützt, selbst wenn er die Versuche aufgezeichnet und die ganze Welt davon erfahren hätte?